Grüningers Rehabilitierung: Zur Vorgeschichte

Stefan Keller

Einführung zum Gespräch über dreissig Jahre Rehabilitierung von Paul Grüninger am 14. November 2025 im Kulturzentrum Palace in St. Gallen.

St. Gallen, 14. November 2025

Meine Damen und Herren, liebe Anwesende

Am 23. Juni 1993, also vor 32 Jahren, traf sich eine Delegation des «Vereins Gerechtigkeit für Paul Grüninger» zu einem Gespräch mit einer Delegation der St. Galler Regierung.

Mit dabei waren Harry Weinreb aus Genf und Bernhard Mehl aus Littau bei Luzern, zwei ehemalige jüdische Flüchtlinge, die Paul Grüninger ihr Leben verdankten, Myrthe Dreyfus aus Zürich, Präsidentin der Schweizerischen Jüdischen Flüchtlingshilfe, der Historiker Max Lemmenmeier, der damalige Nationalrat und spätere Ständerat Paul Rechsteiner – sowie ich selber als Autor einer bereits publizierten WOZ-Serie und des Buches «Grüningers Fall», das einige Wochen später erscheinen sollte.

Ein Aufruf der Paul Grüninger Stiftung: Freispruch für Ayşe Gökkan und sofortige Freilassung

St. Gallen, 8. September 2025

Im Herbst 2023 verlieh die Paul Grüninger Stiftung in St. Gallen einen Anerkennungspreis an die Menschenrechtsverteidigerin Ayşe Gökkan. Gökkan ist die ehemalige Bürgermeisterin von Nusaybin (kurdisch: Nisêbîn), einer kurdischen Grenzstadt in der Türkei. Seit über vier Jahren ist die Journalistin, Politikerin und engagierte Vorkämpferin für Menschenrechte, Frauenrechte und Demokratie unschuldig inhaftiert.

Am 11.September 2025 werden die Gerichtsverfahren gegen Ayşe Gökkan in Diyarbakır neu aufgerollt.

Die Paul Grüninger Stiftung fordert das Strafgericht von Diyarbakır auf, Ayşe Gökkan freizusprechen und sofort aus der Haft zu entlassen.

2021 wurde Gökkan von einem türkischen Gericht wegen angeblicher «Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation und wissentlicher und vorsätzlicher Unterstützung einer illegalen Organisation» zu 26 Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Das Urteil beruhte ausschließlich auf Aussagen geheimer Zeugen, deren Identitäten weder Ayşe Gökkans Anwälten noch ihr selber bekannt sind. Es ist eine eklatante Verletzung rechtsstaatlicher Prinzipien, mit der das Gericht den Zweck verfolgt, Gökkans legale, friedliche und lange Zeit erfolgreiche politische Arbeit zu behindern.

Ayse Gökkan hat sich unter anderem mit Wort und Tat dem Kampf gegen die Gewalt gegen Frauen engagiert. Das von ihr in Nusaybin gegründete Frauenhaus hat dazu beigetragen, die Zahl der Femizide im letzten Jahr ihrer Amtszeit auf Null zu senken. Als Bürgermeisterin protestierte Gökkan 2013 mit einem Sitz- und Hungerstreik gegen die Errichtung einer Grenzmauer zwischen den kurdischen Städten Nusaybin (auf türkischem Territorium) und Qamislo (auf syrischem Territorium). Die Mauer sollte dazu dienen, den Verkehr zwischen kurdischen Familien diesseits und jenseits der Grenze zu unterbinden und die Flucht aus dem syrischen Bürgerkrieg zu verunmöglichen. Als Bürgermeisterin bestand Gökkan darauf, Amtsgeschäfte auch in Kurmanci, der Familiensprache von 80% der Bürger:innen Nusaybins, abzuhalten. Den besonderen Zorn staatlicher türkischer Stellen zog sie auf sich, als sie die sexistische Gewalt, die von staatlichen Sicherheitsorganen, Polizei und Militärs ausgeübt wird, recherchierte und publik machte.

Die Paul Grüninger Stiftung fordert das Strafgericht in Diyarbakır und das türkische Justizministerium nochmals auf: Stellen Sie das Verfahren ein! Sprechen Sie Ayşe Gökkan frei und entlassen Sie sie sofort aus der Haft!

Die Paul Grüninger Stiftung ist in Erinnerung an den St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger gegründet worden, der wegen seiner Hilfe für jüdische Flüchtlinge 1940 fristlos entlassen und erst 1995 rehabilitiert wurde. Die Stiftung zeichnet Menschen aus, die heute im Sinne Paul Grüningers handeln.

Für die Paul Grüninger Stiftung

Paul Rechsteiner, Präsident, St. Gallen

Dr. Stefan Keller, Vizepräsident, Zürich

Für Rückfragen: Tina Leisch, Mitglied des Stiftungsrates, Wien: office@tinaleisch.at, +43 699 194 222 09

Anerkennungspreis der Paul Grüninger Stiftung für Ayşe Gökkan

Zum Tod von Joseph Spring (1927–⁠2025): Vom Waadtländer Jura nach Auschwitz

Stefan Keller

Dieser Nachruf auf Joseph Spring erschien im Januar 2025 in der WOZ und in «tachles», dem jüdischen Wochenmagazin.

In Australien starb hochbetagt Joseph Spring, ein ehemaliger jüdischer Flüchtling, den die Schweiz nach Auschwitz schickte – der aber eines Tages zurückkam, um die Schweiz zu verklagen.

Es ist genau 25 Jahre her, seit Joseph Spring in Lausanne vor Bundesgericht stand, am 21. Januar 2000, kurz nach seinem 73. Geburtstag, 55 Jahre und drei Tage nachdem er aus dem Vernichtungslager Auschwitz herausgejagt und auf einen Todesmarsch nach Gleiwitz geschickt worden war. Damals hatte er bereits die Kanonen der Roten Armee gehört, er sah den Widerschein der Artillerie am Himmel. Doch die SS-Leute trieben die Gefangenen über die deutsche Grenze zurück ins «Dritte Reich». Wer müde war oder stürzte, wurde am Strassenrand erschossen.