Rede von Paul Rechsteiner zum Gedenkanlass «Sostenitori della Resistenza Francese e Italiana» am 11.08.2026 in Locarno.
Am 19. Juni 2026 brachte das Schweizer Parlament endlich etwas zu einem Abschluss, das die Schweiz seit dem Zweiten Weltkrieg nicht fertiggebracht und auf eine unheilvolle Weise über Jahrzehnte verschleppt hatte. Die Schweizerinnen und Schweizer, die in der französischen Résistance und im italienischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus und den Faschismus gekämpft hatten, wurden endlich rehabilitiert. In der Schlussabstimmung stimmte nur noch die SVP gegen das Gesetz.
Das ist ein guter Anlass, darüber nachzudenken, wo wir heute stehen, was erreicht worden ist und mit welchen neuen Fragen wir konfrontiert sind.
Dieser Nachruf auf Robert Kreutner erschien im April 2026 in der deutschen Wochenzeitung «Jüdische Allgemeine».
Mit Robert Kreutner starb wohl der letzte Flüchtling, den der St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger 1938 gerettet hatte.
Im Dezember 1938 erscheint in der sozialistischen Schweizer Presse ein Artikel mit dem Titel «Das Elend an der Grenze. Herr Motta, Herr Baumann, verantworten Sie das?». Giuseppe Motta und Johannes Baumann sind Schweizer Bundesräte. Erzählt wird die Geschichte einer Flucht über den Alten Rhein bei Diepoldsau in die Schweiz. Ein jüdisches Ehepaar aus Wien mit Kleinkind versucht, nachts durch das eiskalte Wasser zu waten. Ein Schweizer Grenzwächter entdeckt sie und soll sie aufhalten. Der Vater ist in Wien von den Nazis fast totgeschlagen worden. Das Kind leidet an Mittelohrentzündung, und als die Mutter stolpert und alles nass wird, fängt es zu schreien an. Der Grenzwächter richtet die Waffe auf die Familie, doch diese weigert sich, umzukehren. Schliesslich hat der Beamte ein Einsehen; er bringt die Flüchtlinge auf den Schweizer Grenzposten. Die Mutter mit ihrem kranken Kind wird von einer Grenzwächterfamilie aufgenommen, der Vater kommt ins örtliche Flüchtlingslager. Die Familie ist gerettet.
Einführung zum Gespräch über dreissig Jahre Rehabilitierung von Paul Grüninger am 14. November 2025 im Kulturzentrum Palace in St. Gallen.
St. Gallen, 14. November 2025
Meine Damen und Herren, liebe Anwesende
Am 23. Juni 1993, also vor 32 Jahren, traf sich eine Delegation des «Vereins Gerechtigkeit für Paul Grüninger» zu einem Gespräch mit einer Delegation der St. Galler Regierung.
Mit dabei waren Harry Weinreb aus Genf und Bernhard Mehl aus Littau bei Luzern, zwei ehemalige jüdische Flüchtlinge, die Paul Grüninger ihr Leben verdankten, Myrthe Dreyfus aus Zürich, Präsidentin der Schweizerischen Jüdischen Flüchtlingshilfe, der Historiker Max Lemmenmeier, der damalige Nationalrat und spätere Ständerat Paul Rechsteiner – sowie ich selber als Autor einer bereits publizierten WOZ-Serie und des Buches «Grüningers Fall», das einige Wochen später erscheinen sollte.
Im Herbst 2023 verlieh die Paul Grüninger Stiftung in St. Gallen einen Anerkennungspreis an die Menschenrechtsverteidigerin Ayşe Gökkan. Gökkan ist die ehemalige Bürgermeisterin von Nusaybin (kurdisch: Nisêbîn), einer kurdischen Grenzstadt in der Türkei. Seit über vier Jahren ist die Journalistin, Politikerin und engagierte Vorkämpferin für Menschenrechte, Frauenrechte und Demokratie unschuldig inhaftiert.
Am 11.September 2025 werden die Gerichtsverfahren gegen Ayşe Gökkan in Diyarbakır neu aufgerollt.
Die Paul Grüninger Stiftung fordert das Strafgericht von Diyarbakır auf, Ayşe Gökkan freizusprechen und sofort aus der Haft zu entlassen.
2021 wurde Gökkan von einem türkischen Gericht wegen angeblicher «Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation und wissentlicher und vorsätzlicher Unterstützung einer illegalen Organisation» zu 26 Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Das Urteil beruhte ausschließlich auf Aussagen geheimer Zeugen, deren Identitäten weder Ayşe Gökkans Anwälten noch ihr selber bekannt sind. Es ist eine eklatante Verletzung rechtsstaatlicher Prinzipien, mit der das Gericht den Zweck verfolgt, Gökkans legale, friedliche und lange Zeit erfolgreiche politische Arbeit zu behindern.
Ayse Gökkan hat sich unter anderem mit Wort und Tat dem Kampf gegen die Gewalt gegen Frauen engagiert. Das von ihr in Nusaybin gegründete Frauenhaus hat dazu beigetragen, die Zahl der Femizide im letzten Jahr ihrer Amtszeit auf Null zu senken. Als Bürgermeisterin protestierte Gökkan 2013 mit einem Sitz- und Hungerstreik gegen die Errichtung einer Grenzmauer zwischen den kurdischen Städten Nusaybin (auf türkischem Territorium) und Qamislo (auf syrischem Territorium). Die Mauer sollte dazu dienen, den Verkehr zwischen kurdischen Familien diesseits und jenseits der Grenze zu unterbinden und die Flucht aus dem syrischen Bürgerkrieg zu verunmöglichen. Als Bürgermeisterin bestand Gökkan darauf, Amtsgeschäfte auch in Kurmanci, der Familiensprache von 80% der Bürger:innen Nusaybins, abzuhalten. Den besonderen Zorn staatlicher türkischer Stellen zog sie auf sich, als sie die sexistische Gewalt, die von staatlichen Sicherheitsorganen, Polizei und Militärs ausgeübt wird, recherchierte und publik machte.
Die Paul Grüninger Stiftung fordert das Strafgericht in Diyarbakır und das türkische Justizministerium nochmals auf: Stellen Sie das Verfahren ein! Sprechen Sie Ayşe Gökkan frei und entlassen Sie sie sofort aus der Haft!
Die Paul Grüninger Stiftung ist in Erinnerung an den St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger gegründet worden, der wegen seiner Hilfe für jüdische Flüchtlinge 1940 fristlos entlassen und erst 1995 rehabilitiert wurde. Die Stiftung zeichnet Menschen aus, die heute im Sinne Paul Grüningers handeln.
Für die Paul Grüninger Stiftung
Paul Rechsteiner, Präsident, St. Gallen
Dr. Stefan Keller, Vizepräsident, Zürich
Für Rückfragen: Tina Leisch, Mitglied des Stiftungsrates, Wien: office@tinaleisch.at, +43 699 194 222 09
Anerkennungspreis der Paul Grüninger Stiftung für Ayşe Gökkan
Dieser Nachruf auf Joseph Spring erschien im Januar 2025 in der WOZ und in «tachles», dem jüdischen Wochenmagazin.
In Australien starb hochbetagt Joseph Spring, ein ehemaliger jüdischer Flüchtling, den die Schweiz nach Auschwitz schickte – der aber eines Tages zurückkam, um die Schweiz zu verklagen.
Es ist genau 25 Jahre her, seit Joseph Spring in Lausanne vor Bundesgericht stand, am 21. Januar 2000, kurz nach seinem 73. Geburtstag, 55 Jahre und drei Tage nachdem er aus dem Vernichtungslager Auschwitz herausgejagt und auf einen Todesmarsch nach Gleiwitz geschickt worden war. Damals hatte er bereits die Kanonen der Roten Armee gehört, er sah den Widerschein der Artillerie am Himmel. Doch die SS-Leute trieben die Gefangenen über die deutsche Grenze zurück ins «Dritte Reich». Wer müde war oder stürzte, wurde am Strassenrand erschossen.
Gespräch am St. Galler Montagsforum vom 27. Februar 2023 mit Lea Haller, Stefan Keller und Paul Rechsteiner.
Lea Haller ist Redaktionsleiterin von «NZZ-Geschichte», Stefan Keller ist Journalist und Autor des Buches «Grüningers Fall», Paul Rechsteiner ist ehemaliger Ständerat und Präsident der Paul Grüninger Stiftung.
Dieser Nachruf auf Ruth Roduner erschien im Januar 2022 in «tachles», dem jüdischen Wochenmagazin, und in der Wochenzeitung WOZ.
In einem Pflegeheim in St. Gallenkappel am Ricken starb über hundertjährig die Tochter des Flüchtlingsretters Paul Grüninger.
Einmal wurde Ruth Roduner von einem Richter gefragt, wer eigentlich der Verfasser eines Textes sei, den sie unterzeichnet hatte, einer luziden Stellungnahme zum Fall ihres Vaters Paul Grüninger. Sie nahm die Beleidigung scheinbar ungerührt hin. Doch mit der ihr eigenen trockenen Ironie erzählte sie uns sofort davon: uns den vermuteten heimlichen Autoren, ihren Freunden, dem Anwalt Paul Rechsteiner und mir, dem Historiker. Dass diese unauffällige Frau aus dem Rheintal, Witwe eines freisinnigen Gemeindeammanns, jeden ihrer Texte selber schrieb, dass sie sich in komplexe Dossiers vertiefte und ohne fremde Hilfe zwischen Recht und Unrecht unterscheiden konnte, das war für den St. Galler Richter offenbar nicht vorstellbar. Trotzdem musste er Paul Grüninger am Ende freisprechen.
Der Text erschien erstmals in: Wolfram Wette [Hrsg.], «Stille Helden. Judenretter im Dreiländereck während des Zweiten Weltkriegs», Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2005)
Marie Grimm, Fluchthelferin, 1999
Am 20. Dezember 2004 starb in Genf die pensionierte Lehrerin Aimée Stitelmann-Stauffer, eine freundliche und bescheidene, fast achtzigjährige Frau. Wenige Monate vor ihrem Tod war Aimée Stitelmann für kurze Zeit berühmt geworden: Die «New York Times», «Le Monde», die «Süddeutsche Zeitung» und fast alle schweizerischen Blätter veröffentlichten Artikel über sie, denn Stitelmann gehörte zu jenen Menschen, die im Zweiten Weltkrieg jüdische Flüchtlinge über die Grenze gerettet hatten und dafür von den Schweizer Behörden bestraft worden waren. Aimée Stitelmann-Stauffer war eine der letzten noch lebenden Fluchthelferinnen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Ausserdem war sie die erste, auf die ein neues, seit 1. Januar 2004 geltendes Gesetz angewandt worden ist: Im März 2004 beschloss eine Kommission der Eidgenössischen Räte – des Schweizer Parlamentes – Aimée Stitelmann formell zu rehabilitieren. Eine Strafe von achtzehn Tagen Arrest, die sie 1945 wegen illegalem Überschreiten der Grenze und wegen «Ungehorsam» abgesessen hatte, gilt seither als aufgehoben. Eine materielle Wiedergutmachung erhielt Frau Stitelmann jedoch nie.
Jüdischer Widerstand
Aimée Stitelmann war siebzehnjährig, als sie Ende 1942 die jüdischen Kinder Hella und Uriel Luft aus Berlin im französischen Annemasse abholte und über die Grenze ins nahe Genf begleitete. Die Kinder wurden von den Schweizer Behörden nicht zurückgeschickt; Jahre später wanderten sie nach Amerika aus, wo sie heute noch leben.
Alice und Paul Grüninger-Federer (Familienbesitz, ohne Jahr)
Referat vor dem Bundesverwaltungsgericht in St. Gallen, 22. November 2017
Meine Damen und Herren, vielen Dank für die Einladung
Wenn man von Paul Grüninger erzählt, der Flüchtlinge gerettet hat, dann muss man immer auch über die Flüchtlinge sprechen, die von ihm gerettet wurden. Ich hatte das grosse Privileg, noch mehrere Dutzend jüdische Flüchtlinge persönlich zu kennen, die dank Paul Grüninger und anderen Helfern oder Helferinnen hier im Kanton St. Gallen aufgenommen wurden und deshalb am Leben bleiben durften. Sie hiessen zum Beispiel Karl und Susi Haber, Benno Mehl und Sally Seifert, Erich Billig, Harry Weinreb, Rosa Schkolnik, Lilly Badner oder Klara Birnbaum, Judith Kohn, Lotte Bloch und so weiter – und sie wohnten, als ich sie kennenlernte, in aller Welt: in Europa, in Amerika, in Israel. Sie waren Zeitzeugen für meine Recherchen – sie wurden Zeugen im Prozess zur Rehabilitierung von Paul Grüninger. Mittlerweile sind fast alle diese Überlebenden in hohem Alter gestorben. Die meisten haben Kinder und Enkel hinterlassen.